Altona

Fischbrötchen muss es nicht immer sein!

Die Hamburgische Bauordnung von 1986, §45, Abs. 1 klärt uns darüber auf, dass jede Wohnung der Hansestadt zumindest einen belüfteten Kochplatz aufweisen muß. Schön, dass wir das mal schwarz auf weiß haben.

Allerdings zieht's den Autor zumindest in der wärmeren Jahreszeit dann doch eher an gut belüftete Eßplätze, die in Altona und Ottensen reichlich zu finden sind.

Jedem Neuankömmling sei ein erster Rundgang an einem warmen Sommerabend ans Herz gelegt, entlang der Ottenser Hauptstraße - einen kleinen Abstecher nach links am Ende der Fußgängerzone zum Spritzenplatz - und dann weiter auf der Hauptstraße bis zum kleinen dreieckigen Platz An der Reitbahn.

Wer bis hierher den einladenden Tischen des Kypros unter den Bäumen des Spritzenplatzes oder einer Latte macchiato im Goldenen Täßchen, dem Tazza d'Oro an der Ottenser Hauptstraße widerstehen konnte, der überquert nun rechte Hand diagonal den Kemal Altun-Platz (einfach nachfragen, denn der Platz trägt diesen Namen inoffiziell in Gedenken an den tragischen Selbstmord des Kemal Altun im Berlin der frühen Achtziger, der auf diese Weise seiner Abschiebung zuvorkam).

Mit ein bißchen Glück findet gerade heute eine von der Motte organisierte Veranstaltung Marke "plein d'air" statt.

Die Motte ist ein Stadtteilzentrum, deren Name den Hamburger Volksmund ausgangs des 19. Jahrhunderts zitiert. Damals war Mottenburg das landläufige Synonym für Ottensen, dessen Bewohner unter den Folgen der Industrialisierung litten. 16 Stunden und mehr unter extremen Arbeitsbedingungen waren ebenso die Regel wie Kinderarbeit. Schwindsucht und Tuberkulose machten die Runde und man bekam "die Motten".

Doch zurück zum Kemal Altun-Platz. Am anderen Ende dieser Freifläche, gesäumt von gar nicht mal schlecht gelungenem sozialen Wohnungsbau, der hier in Ottensen ganz und gar nicht zum sozialen Brennpunkt avanciert, gelangt man über die Straße Am Born zum Hintereingang der Zeisehallen.

Hier, wo bis 1979 mehr als hundert Jahre Schiffszubehör geschmiedet wurde, ist eine architektonisch überaus reizvolle Galerie entstanden, die heute zwei Restaurants - eines davon mit portugiesischer und eines mit internationaler Küche -, einer ganzen Reihe von Kunsthandwerksläden und einem Kino reichlich Raum bietet.

In den enorm hohen Räumen des Eisensteins geht es dabei nicht selten ähnlich lautstark zu wie in alten Zeiten, als hier noch die Schmiedehämmer auf blankes Messing trafen. Also nichts für Romantiker, dafür umso mehr für Freunde des kulinarischen Stilbruchs, dergestalt als Kombination des Königs der Fische und der Basis pragmatischer Resteverwertung auf neapolitanisch: die Pizza Helsinki ist schlicht die beste Lachstorte der ganzen Stadt, zumal der edle Belag nicht geräuchert, sondern gebeizt und dazu mit einer angemessenen Portion Crème fraîche garniert daherkommt. Der "Unterboden" erhält sein perfekt krosses Finish im Holzkohleofen. Wer seine Diät nicht unterbrechen möchte, wird sich freuen, auf der Karte einen knackigen Césars Salad zu finden. Der Grüne Veltliner aus der Wachau mundet zu beidem.

Kontrapunkt für das empfindsamere Gehör ist die einladende Vielfalt des Madrigal mit vielen leckeren spanischen Tapas.

Beiden Restaurants gemeinsam ist eine kurze aber hervorragende Weinkarte. Das Eisenstein kürt regelmäßig einen Wein der Woche und auf den feinen Gaumen des Sommeliers ist Verlaß.

Hinaus aus den Hallen durch den Haupteingang führt uns ein kurzer Spaziergang rechts herum zum Alma-Wartenberg-Platz. Wiederum laden Tische zum Verweilen ein, diesmal ein türkisches Restaurant. Wer hier einmal das Iskender ("Alexander") Kebab probiert hat, kommt garantiert wieder, zumal sich dieser quirlige Platz als idealer Ausgangspunkt für nächtliche Streifzüge durch all die umliegenden Musik-Cafés, Kneipen und Bars geradezu anbietet.

Unser kleiner Spaziergang ist zu Ende. Eines der unzähligen Taxis ist schnell herbeigerufen, und die Fahrt in die frisch bezogenen vier Wände wäre jetzt schnell angetreten.

Aber wer will jetzt schon nach Hause?